Freitag, 24. November 2006
Blogs humanisieren die Gesellschaft, denn jeder kommt zu Wort!?
Über die revolutiionäre Entwicklung der persönlichen Weblogs (Teil eins)
Blog?.....Was’n das?...DER SPIEGEL sagt, es seien „Online-Tagebücher“, aber ich finde: das ist in einigen Fällen nur ein schwacher Ausdruck. Denn „Tagebuch“ signalisiert Beschaulichkeit, introvertierte Selbstreflexion…na ja, ganz nett, aber warum sollen nun ausgerechnet Millionen von Lesern mitbekommen, dass ich um sieben aufstehe, um 7.30 Tee trinke und um 8.00 mit meiner Arbeit beginne? Da muss doch noch etwas anderes hinter dem simplen Wort „Blog“ stecken als nur „Tagebuch“!
In der Tat. Um konkret zu werden: Sie gucken gerade in einen solchen! DAS TÖNCHEN! Gehört zu den ersten Blogs, die in „Kleinbloggersdorf“ [DER SPIEGEL] geschaffen wurden: zunächst mit der Software Serendipity. Seit Anfang dieses Jahres arbeiten wir mit EEC (Expression Engine). Das TÖNCHEN! Ist einmal eine Art digitale Zeitschrift (Kultur-Magazin), zum anderen aber auch ein Forum. Man kann zu veröffentlichten Artikeln Kommentare abgeben und wird auch eingeladen, Artikel einzuschicken. DAS TÖNCHEN! Ist ein Blog!
m aktuellen Heft des SPIEGEL [Nr.47/S.150 ff.] lesen wir unter „Rebellen im Netz“, dass diese Internet-Tagebücher den autoritär regierten Staaten inzwischen echte Probleme bereiten. Es wird über Abd al-karim Nbil Suleiman berichtet, der (unter dem Pseudonym Kareem Amer) in seinem Blog über religiösen Extremismus in seiner Heimatstadt Alexandria berichtet. Folgen: „Im März flog er wegen angeblich antiislamischer Äusserungen von der Universität; seit dem 6.November sitzt er jetzt in Haft.“ Andere Blog-Betreiber („Bloggerfreunde“) versuchen, ihm mit Blogbeiträgen zu helfen (so entsteht ein Netzwerk) und haben bei YOU TUBE einen Kurzfilm über ihn ins Netz gestellt. Unter http://www.freekareem.org gibt es Informationen über den Inhaftierten und eine Unterschriftenliste. Die helfende Studentengruppe arbeitet ihrerseits wieder mit einem Blog (auch „Weblog“ genannt).
Ich zitiere hier ein paar Sätze aus diesem Weblog, um zu zeigen wie prekär die Situation für Abd al-karim Nbil Suleiman wirklich ist und wie wichtig in solchen Fällen einmal die Solidarität der Freunde, zum anderen die reell technischen Möglichkeiten („blog“) sind, diese Solidarität weltweit zu äussern, auf Missstände dieser Art aufmerksam zu machen und letztlich politischen Druck bzw. Verständnis in der Regierung für die Freilassung eines 22-jährigen kritischen Studenten zu machen:
“A great injustice is taking place today in a city that was once as cosmopolitan as our dear Manhattan. Egyptian blogger Abdel Kareem Nabil Suleiman, better known as Kareem Amer, has been detained on and off for a year in Alexandria, Egypt, charged with a series of crimes that include “spreading information disruptive of public order,” “incitement to hate Muslims,” and “defaming the President of the Republic.”
As students at a world-renowned university, we have a platform that allows our voices to be heard. Kareem’s release is just the kind of cause we should use it for. It is morally imperative that Columbia students join in solidarity for this 22-year-old student, whose only real crime has been having the courage to speak his mind while living under a totalitarian government.“
Im Text darunter – datiert auf den 20. November 2006 -1.02 pm lesen wir dies hier:
„Police in Cairo have detained a blogger whose posts have been critical of the Egyptian government.
ami Siyam, who blogs under the name of Ayyoub, was detained along with three friends after leaving the house of a fellow blogger late at night.“
Ich glaube, das Wort „Tagebuch“ können wir angesichts solcher Schreckensmeldungen ruhig mal vergessen! Diese mutigen Studenten gehen gegen Unrecht und sinnlose Verhaftungen mit friedlicher aber deutlicher Demonstrationstechnik sehr sinnig vor.
Kareem selbst ist „blogger“, also jemand, der selbst einen Blog ins Netzt gestellt hat. Seine Freunde haben eine „platform“ - also eine Diskussions-Plattform, ein Forum oder einen Gesprächsraum – ins Netz gestellt, um ihm zu helfen. Damit bringen sie ihre Solidarität für Kareem zum Ausdruck. Und Solidarität gegen ein autoritäres Regime, das Studenten einlocht, nur weil sie kritisch sind. Das ist ja geradezu typisch für diktatorische Staaten, wo Regierende aus Angst vor begründeter Kritik stets die Kritiker einlochen und garnicht merken, wie sie sich damit blamieren und in der Öffentlichkeit sozusagen selber ächten. Keine Staaten ziehen so die Aufmerksamkeit auf sich wie autoritäre.
Ja, diktatorische Machthaber haben es wirklich schwer heutzutage: man kritisiert sie per Internet und diese Öffentlichkeit können sie nicht einfach mit Mauern und Stacheldraht, Knastwänden und Betonbunkern umgeben in der Hoffnung, dass nichts heraussickert in die „andere Öffentlichkeit“, in die Öffentlichkeit aller Länder der Welt.
So spricht DER SPIEGEL mit Recht vom Blog als „Medium der Rebellion“ und zitiert dabei den niederländischen Internet-Theoretiker Geert Lovink. Merkmale der Blogs seien „emanzipatorische Eigenschaften“. Blogs „...transportieren Tabuwissen und verbotene Ansichten in die Täler der Ahnungslosen, sie verbinden und ermutigen Einzelkämpfer, sie sind das Medium der Rebellion.“ [DER SPIEGEL 47/2006, S.151]
Nehmen wir den „Free Kareem!“ Blog hier mal als gutes Beispiel, um die wesentlichen Merkmale einer solchen Website deutlich zu machen. Dieser Blog ist vorbildlich aufgebaut: er ist übersichtlich, informativ und er lädt zum Kommentieren ein. Was man jedem Leser nur emppfehlen kann! Just try it! Schreibt in English, dann verstehen es mehr. Und dann drückt auf „say it“ und Ihr habt es gesagt! Es steht im Blog und Ihr habt Euch eingemischt, etwas Sand geworfen in die totalitäre Regierungs-Maschinerie in dieser Welt!
Unter „comment policy“ - ein Link in der rechten Spalte auf der Hauptseite - finden wir diese wichtigen Sätze mit Formulierungsratschlägen für Kommentatoren, aus denen die kritische Lage in Ägypten offen ersichtlich ist: „In order to make this website as influential as possible, we need to keep it clean of insulting or threatening remarks of any kind. You are expected to post thoughtfully and respectfully, bearing in mind that this is an effective campaign where we unite to ensure Kareem’s freedom. Do not take this as an opportunity to bash officials and policy-makers. We have to react in a mature manner for our words and actions to be taken seriously.“
Bei der Gestaltung der Hauptseite fällt als erstes der sog. „Header“ auf: in grosser Schrift lesen wir den Namen des Blogs und so wird auch sofort klar, worum es hier geht. Beim Surfen im Internet – bei dem man sich durchaus visuell überlasten kann bzw. vom Überangebot der Information ja oft erdrückt wird – ist ein klarer Header die beste Garantie dafür, dass der Blog auch angenommen wird und funktioniert.
Ein klarer Aufbau insgesamt ist bei „Free Kareem!“ gegeben: links sehen wir die wesentlichen Artikel („Posts“) mit Überschriften („Titel“), darunter Unterüberschriften bzw. „date header“ mit Links. Ein Bild oder Foto wird vom einleitenden Text („Aufmacher“/“get- up“) umgeben. Unter jedem Textblock oder Post findet sich das Link mit „comments“...und das ist der Kernpunkt eines Blogs!
Klicken wir „comments“ an, so sehen wir oben noch einmal den Artikel. Darunter dann die bereits geschriebenen Kommentare unter realem Namen oder Pseudonym und mit Datum und Urzeit der Veröffentlichung.
So schrieb jemand am 23. November: „Everyone should have the right to speak his or her mind in Egypt too. Because it’s the human rights, no matter the race, sex, religion or other culturel differences. And politics and religion never go together that is my opinion. And nobody should get arrested and put in jail just for speaking his mind and for what he belives in. Hope this comment will help and that Kareem will be freed from prison in the near future.“ Der nächste Kommentator sagt lapidar: „I’m not shocked coz I know we are in the Arab World where the Freedom of expression & liberty don’t exist…“
Unter den Kommentaren liegt schliesslich das Editorfeld, auf dem nach Eingabe von Name, E-Mail-Adresse und Website-URL ein Text geschrieben werden kann. Drückt man auf „Say it!“ (manchmal auch „publish“, “go!“ oder „abschicken“), so wird der Kommentar umgehend auf der Blog-Hauptseite oder – wie in diesem Fall - auf einer eigenen Kommentarseite veröffentlicht.
Es gibt Blogs, in denen die Kommentare zensiert oder ausgewählt werden, aber diese Eigenart geht eigentlich an der Idee des Blogs vorbei. Im TÖNCHEN! Werden die Kommentare unzensiert und unausgewählt veröffentlicht, doch kann ich natürlich auch Kommentare löschen, die allein aus destruktiver Absicht geschrieben wurden. Denn selbst „spam-mails“ (Werbemails, massenhaft von Computern verschickt) wurden schon auf Blogs gefunden….
Zurück zur Hauptseite von „Free Kareem!“(oft „home“ genannt): rechts befindet sich eine Spalte, die dem Blogbenutzer viele Möglichkeiten bietet: ein Link zu Info-Seiten („about this campaign“/“comment policy“), ein Foto von Kareem, eine kleine blogeigene Suchmaschine um Stichworte, Themen oder Namen aus den Blog-Texten herausfiltern zu können, ein Kalender (mit dessen Hilfe man Artikel zu einem bestimmten Datum herausfischen kann) und eine Kategorien-Liste: alle Blog-Texte sind nach Kategorien geordnet und können nach Kategorien gefunden werden.
Wer einen neuen Blog im Internet findet, kann mit einem Blick auf „categories“ feststellen, ob er hier thematisch richtig liegt oder nicht. Auch ein Blick auf die darunter liegende Link-Liste hilft dem thematischen Einordnen meistens. Der „meta“-Bereich dient dem Einloggen (für „Admins“ wie Redakteure, Seitenbetreiber usw.) bzw. enthält noch technische Angaben, die mit der Art der globalen Vernetzung dieser Seite in Zusammenhang stehen.
Als weiteres Beispiel für einen Blog, diesmal aus dem Sachbereich Musik soll hier http://www.julabassana.de/blog/ dienen. Die Software bzw. die Blogtechnik kommt von WordPress. Zu dieser Firma gibt es gleich ein Link. Vergeblich suchen wir ein Impressum, aus dem der Eigentümer, Betreiber des Blogs hervorgehen könnte. Auch sonst lesen wir überhaupt nichts über das Umfeld der Seite, so dass wir sie nicht einordnen können. Natürlich geht es um Akkordeons und die Wort-, Film und Bildbeiträge (chronologisch nach Datum der Veröffentlichung geordnet. Das neueste oben!) wirken auch durchaus ansprechend.
Auffällig ist hier der hohe Anteil an Werbung (z.B. macht ein Musikladen auf sich aufmerksam, man findet Werbung für die Akkordeonschule von Herrn Haas…nix dagegen, aber gehört das in einen Akkordeon-Blog eigentlich rein?...Ansichtssache!). Kommentare gibt es nicht oder kaum. Und schnell wird klar: wer in diesem Block was sagen will, kann es irgendwie nicht. Was nützt ein Kommentar zu der Akkordeonschule, wenn garnicht gefragt wird, wie man sie denn findet?..... Vielleicht muss man sich für eigene Beiträge registrieren und als Registrierter einloggen. Auf der Hauptseite wird jedenfalls niemand zu eigenen Beiträgen ermuntert.
Nur, will man sich registrieren (da kommt man oft eh nicht weit…), wenn man nichts über die Entstehungsgeschichte dieses Blogs und seinen Hintergrund weiss? Wenn man den Blockbetreiber nicht kennt? Zwar lässt die Kategorienliste Rückschlüsse auf die Inhalte zu, doch gibt es keine Linkliste aus der man das „redaktionelle Umfeld“ ersehen könnte. Facit: hier wird die Blog-Technik als Informations- und Werbe-Seite eingesetzt. Der kommunikative Wert ist nicht besonders hoch. Doch ganz nett für Leute, die „Oberflächen-Information“ suchen.
Wenn Inhalte des Blogs weder aus dem Impressum geschlossen, noch aus einer Linkliste ermittelt werden können oder man sich mittels Eingabe seines Namens, seiner Website, seiner E-mail-Adresse oder Postanschrift erstmal regristrieren lassen und dann „einloggen“ muss, um sehen zu können, worum es eigentlich geht: dann ist wirklich Vorsicht geboten! Denn nicht jeder Blog-Betreiber ist nett. Oft geht es nur um das Sammeln von „lebendigen“ Anschriften, die für Unsummen in der werbebranche gehandelt werden. Bekommt man dann Spam-Mails oder klebrige Anrufe aus Callcentern, geht einem meist zu spät ein Licht auf.
(Ende Teil eins, Fortsetzung folgt!)