Dienstag, 31. Oktober 2006
Arno Linksquetsch on Tour
Die passende Reisemethode - oder: Wenn Mann auf Frau trifft, kommt es meist anders als Mann denkt (Essay von Arno Linksquetsch)
Wie reist man (Mann?) eigentlich am besten, wenn er sein Akkorden für die Straßenmusik, und das sonstige Gepäck dabei hat?
Diese Frage hat mich vor Antritt meiner Reise lange beschäftigt.
Dabei gab es, bevor es los ging, folgende drei Möglichkeiten die ich mir ausdachte. Am Ausdenken habe ich übrigens oft einen Riesenspaß.
Zunächst hatte ich die Idee mit dem Fahrrad zu reisen. Da ich ja ohnehin ziemlich gerne und überzeugt Rad fahre, habe ich mir wochenlang ausgemalt, wie ich das ganze Gepäck geschickt an meinen geliebten Drahtesel bekommen würde. Das Rad verfügt über einen Gepäckträger hinten, und einen Gepäcktaschenhalter (Lowrider) für zwei Taschen vorne. So könnte ich dann schon einmal vier Taschen mitnehmen, und das Akkordeon könnte ich auch noch schön weich gelagert auf den Gepäckträger schnallen. Für das eventuelle Zelt hätte ich mir noch eine Halterung am Rahmen zwischen den Beinen gebaut.
Doch im Laufe der Zeit hat sich Idee mit dem Fahrrad verflüchtigt. Irgendwie dachte ich mir, muss man dann meist mit dem Rad fahren. Man ist dann unter Umständen so unflexibel, weil Fahren im Zug immer gleich ordentlich extra kostet, und bei einer Mitfahrgelegenheit ist es in den seltensten Fällen möglich sein Rad mitzunehmen.
So entstand die “Kistenidee”.
Jaaaa, ein Kiste! Eine Kiste in die alles reinpasst. Sie hätte ein Fach haben können für das Akkordeon, ein Fach für Essen und Kochgeschirr, und ein Fach für alle sonstigen Klamotten. Schön ordentlich. Die Kiste sollte zwei Räder und einen Griff so montiert haben, dass man sie wie eine Sackkarre durch die Gegend schieben kann, sie sollte so stabil sein, um sie bei Bedarf als kleine Bühne für die Straßenmusik zu nutzen und: sie muss schmal genug sein (dafür machte ich extra einen Spaziergang mit meinem Zollstock zum Kieler Hauptbahnhof) um sie durch Zugabteile rollen zu können.
Tolle Idee, so eine Kiste. Das war meine feste Überzeugung. So bastelte ich mir tagelang tolle Pläne für das Ding in meinem Kopf zurecht, und erwarb schließlich für etwa 200€ Material im Baumarkt.
Tage des Werkelns im Hinterhof, und damit einhergehende neugierige Blicke der Hausmitbewohner vergingen. Doch nachdem der Rohbau fertig war, kamen mir schon wieder Zweifel an der Tauglichkeit der Kiste. Sie hat die Abmessungen von 50x50x90cm, und im leeren Zustand wies sie schon ein beachtliches Gewicht auf. Und überhaupt, welcher Aufwand ist nötig, um die Kiste im Auto einer Mitfahrgelegenheit unterzubringen?
Hmmm!? “Doch nicht so toll diese Kiste?” Fragte ich mich inmitten von Zuschnittresten, Sägemehl, Werkzeug und Kaffeetasse im besagten Hinterhof. Aber das “Projekt Kiste” jetzt einfach aufzugeben wäre auch schade. Schade um die Mühe und das Material.
Also baute ich die Kiste in abgeänderter Art und Weise fertig, um dort meine wichtigsten Dinge rein zu tun, die ich mal brauchen könnte, wenn ich irgendwo anders erst mal sesshaft werden sollte. Denn die Räder und den Griff kann man einfach abnehmen und in der Kiste verstauen, so dass mir die Kiste einfach als Frachtgut hinterhergeschickt werden kann.
Also, die Kiste wurde fertig, und ich füllte sie randvoll mit meinen liebsten Dingen die ich auf Dauer einfach brauche: Werkzeugkiste, ein wenig Stereoanlage und ein paar Tonträger, Ordner und Schreibtischutensilien, Winterklamotten, und und und. Mensch! Was da alles reinpasst!
Und wie ist das jetzt, wenn man sie bewegen will? Die Kiste lässt sich liegend lagern, um sie von einer Längsseite befüllen zu können. Also muss man sie schließlich an einer Seite anheben, um sie wie eine Sackkarre vor sich her zu rollen. Wow, dafür braucht man jetzt aber wirklich einen gesunden starken Rücken [oh ja, kann ich bestätigen! der Redakteur], und die richtige Hebetechnik, wie sie einem beim anheben von schweren Gegenständen von einem Krankengymnasten empfohlen wird [selbst das reicht nicht! der Redakteur]
Die vollgefüllte Kiste habe ich nun bei guten Freunden untergebracht. Ca. eineinhalb Kilometer habe ich sie dafür schweißtreibend durch Kiel gerollt. “Liebe Freunde des Nordic-Walkings. Wenn Euch eure Sportart zu lasch wird, dürft Ihr Euch gerne meine Kiste ausleihen. Erforderliche Aufwärm- und Schlussübung ist es allerdings, mein handwerkliches Kunstwerk die schmale Treppe des Hauses der Familie Rzeszut (mindestens zu zweit) [ich erinner das…ächz!der Redakteur], runter und rauf zu transportieren.”
Lieber Martin R. und liebe Hilde R., wollt Ihr Euch nicht schon Mal einen Treppenlifter anschaffen? Ihr werdet ja auch nicht jünger
[thanks for compliments…wir kaufen nen Fahrstuhl für deine Kiste! der Redakteur]
So weit das Projekt Kiste.
Aber wie soll es denn nun auf Reise gehen?
Etwa 4 Wochen vor Reiseantritt entdeckte ich im Hause in dem die Kiste jetzt wohnt, eine geniale “RukZak-Klappsackkarre” der Firma Braucke.
“Mensch! Damit könnte ich reisen!” Denn Akkordeon und Klamotten tragen, geht auf längeren Wegen einfach nicht. Also kaufte ich mir auch so eine Karre (der dicke Rucksack auf der Karre, das Akkodeon auf dem Rücken), und die Reise geht los.
Entscheidender Vorteil dieser Lösung:
-In besonderen Fällen lässt sich auch alles alleine tragen (der Rucksack auf dem Rücken, das Akkordeon in seiner Rucksacktasche vor dem Bauch, und die zusammengefaltete Karre in der Hand.
-Bei Mitfahrgelegenheiten und in Zügen gibt es auch kein Problem. [viel Spass mit dem “schönen Wochende”-Ticket! ...grins…der Redakteur]
So einfach ist das!!!
-Die erste Station waren Freunde bei Hannover. Dort verabredete ich mich mit einer Geigenspielerin (jetzt kommt die Frau ins Spiel, auf die Mann trifft) für in zwei Wochen später zum gemeinsamen Musizieren auf der Straße.
-Zweite Station meiner Gastspiele auf der Straße war Göttingen.
-Dritte Station Würzburg.
-Vierte Station Heidelberg.
-Fünfte Station Freiburg
-Und schließlich ging es zurück nach Hannover, um mit der Geige weiter zu machen. [der Frau mit Geige, d.Red.]
Bis hier her hat alles prima geklappt mit Klappsackkarrenlösung.
Nun ging es aber erst einmal mit der Dame aus Hannover [die Geige! d.Red.] und ihrem Hund (ihr Sohn war gerade im Zeltlager) per 2CV6 nach St.Peter Ording. Nach dem heißen Juli haben wir uns vorgestellt gemütlich in den Dünen zu nächtigen. Doch der August war sehr durchwachsen, und mit etwas Geschick läßt es sich auch in der Ente einigermaßen schlafen. Der Hund musste leider draußen unter dem Autochen schlafen.
Eine Woche verging, und es ging wieder nach Hannover, weil der Sohn [der Geige! d.Red.] bald heimkehrte.
Nun waren noch zwei Wochen lang Schulferien, und wir wollten zusammen auch noch mal los, wofür die Ente aber definitiv zu klein wäre.
Ein vorübergehendes Tächtelmächtel [ehä? soso…d.Red.] überschattete meine Reise, und obwohl klar war, dass ich nach den Sommerferien wieder meine eigenen Wege gehe, entschloss ich, zunächst den bald TÜV-fälligen Wohnmobil-VW-Bus einer Freundin aus Kiel für die gemeinsame Tour zu kaufen. Wir ließen es einfach offen, ob sie den Bus nach unserer Zeit übernimmt, ob ich ihn wieder verkaufe, oder ob ich ihn behalte und durch den TÜV-bringe.
Letztlich bin ich mit dem Bus nach der gemeinsamen Zeit weiter von Stadt zu Stadt gefahren (bis nach Stockholm), und stellte fest, dass so ein kleines Wohnmobil für Straßenmusiker eine noch bessere Alternative zur Sackkarre ist. [kann ich bestätigen! d.Red.]

Arno reist also mit dem Bulli weiter, und um den TÜV nicht zu erschrecken legte ich einen einwöchigen Instanhaltungsaufenthalt bei meinen Eltern bei Hannover ein.
“Uiii, ganz schön rostig so ein altes Auto! Und wie schnell so eine kleine teure Sprühdose Originalfarbe alle ist!?”
So fiel mein Griff in’s Farbdosenregal des Bastelkellers meines Vaters. Hmm, das original Himmelblau des ehmaligen Marinefahrzeuges, würde ich hier wohl kaum finden. Aber wie wäre es mit Dunkelblau? Ja, das sieht bestimmt ganz ok aus, und bei dem alten Auto ist es auch nicht so schlimm das es nicht mehr komplett in Originalfarbe gehüllt ist.
Viel Schweiß, schmutzige Finger, und ein zu erheblichen Komplikationen führendes festsitzendes Bremsenentlüftungsventil ließ ich über mich ergehen, und der TÜV-Mensch hinterließ vorne und hinten auf den Nummernschildern seine Marken.
Die Reise kann also weiter gehen. Mein Vater kam zu guter letzt noch auf die Idee, mit der dunkelblauen Farbe “arnolinksquetsch on Tour” auf die Seiten des Busses zu pinseln. Abgesehen davon, dass sich arnolinksquetsch in meiner Emailadresse wiederfinden läßt, scheint das jetzt auch mehr und mehr mein Musikername zu werden.
Aber auf eine weitere Pinselarbeit hatte ich keine Lust. Ich wollte endliche weiter. Weiter Richtung Süden, denn die kalte Jahreszeit sitzt mir dicht auf den Fersen. Nach einem weiteren Besuch in Göttingen und zwei Spieltagen in Fulda, führte mein Weg spontan ein weiteres Mal bei Klaus und Beatrix in Heidelberg vorbei. Die beiden habe ich im Juli auf dem ersten Trip in Süddeutschland kennengelernt. Angekommen bei jenen, erzählte ich ihnen von der “Bulligeschichte”, und irgend wie auch von der Aufschriftidee meines Vaters.
“Hey!” meinte Beatrix: “das können wir doch gleich richtig machen!”
Die beiden haben so eine kleine Firma (http://www.colorpartner.com) und stellen alle möglichen Drucke und Aufschriften her.
So ging der Bulli endlich mal in die Waschanlage, und ich durfte am Computer aussuchen, wie der Schriftzug aussehen soll.
Nach dem das Werk vollbracht war, war ich erstaunt, wie flott so ein lahmes Auto aussehen kann.
Nun habe ich also einen richtigen Tourbus, und die Gastgeber konnten sich über eine leckere Pizza nach Arnolinksquetschart freuen.
Zur Zeit mache ich Wochenende auf einem Berg mit Panoramablick über Grenoble (Frankreich), und genieße es, mein eigenes kleines zu Hause auf der Tour dabei zu haben.
Frauen können die Pläne der Männer ganz schön verändern. Und manchmal ist das vielleicht auch ganz gut so.
Sonnige Grüße aus Frankreich.