Samstag, 6. Januar 2007
Anja-Lisa Lührmann und Mathias Herbst boten nachweihnachtliche Musik
Konzertreihe zum Erhalt der Jakobikirche in Kiel
Nasskalter Sprühregen, zum Glück gleich Parkplatz gefunden, ein paar Schritte gegen die Windböen – und die Jakobikirche hat uns geborgen! Schön warm ist es hier. Freundliche Gesichter, nette Begrüssung. Grün-hellblaues Chorgestühl (oder ist es Blau-hellgrün…?) gepolstert, bequem. Indirektes Licht von oben, einige Kerzen in einem sandgefüllten Metall-Schiff. Die Kirche ist ziemlich voll. Schöne, erwartungsvolle Stimmung. Man fühlt sich aufgenommen.
Pastorin Sabine Klatt begrüsst die Anwesenden mit freundlicher Wärme und stellt die Interpreten des Abends vor: die Sopranistin Anja-Lisa Lührmann und den Organisten und Pianisten Mathias Herbst. Die meisten wissen: dies ist ein Familientreffen. Grossfamilie Jakobi-Ost/Taizé-Kreis – die meisten kennen sich persönlich.
Anja-Lisa Lührmann ist vielbeschäftigte Sängerin (1999 Konzertexamen an der Hochschule der Künste in Berlin) und unterrichtet Stimmbildungs- und Gesangsunterricht. Sie ist all jenen bekannt, die z.B. die Taizé-Andachten mittwochsabends in Jakobi-Ost besuchen. Ihre Stimme sticht immer ein wenig aus dem Stimmenmeer heraus, was dem Gesang einen schönen Glanz verleiht. Frau Lührmann leitet auch den Gemeindechor, in dem meine Frau mitsingt und im Gottesdienst am Ersten Weihnachtstag leuchtete sozusagen auch die Stimme der Sopranistin von der Empore.
Mathias Herbst begleitet heute Abend an der Orgel und am Klavier (im Altarraum). Dr. Herbst ist hauptberuflich Biologe (zur Zeit in England tätig) und arbeitete einige Jahre als Universitätsorganist an der Kieler Christian-Albrechts-Universität, danach als Kantor und Organist an der Gnadenkirche in Dachau.
Das Konzert beginnt mit „Singet dem Herrn“, Solokantate Nr.1, von Dietrich Buxtehude. Dem folgt „Süsse Stille, sanfte Quelle“ von Georg Friedrich Händel. Die Musik strömt warm und deutlich, klar und schlicht ins Kirchenschiff hinunter. Die beiden da oben geben ihr Bestes: wie anstrengend muss es sein, mit einer Stimme eine mittelgrosse Kirche zu füllen. Mit akustischen Problemen wie langen Hallzeiten oder ungewolltem Echo fertigzuwerden. Doch die akustischen Verhältnisse der Jakobi-Kirche sind für diese Stimme und für diese Art des Orgelspiels optimal. Die Athmosphäre ist dicht und es entsteht eine kammermusikalische Stimmung.
Herr Herbst und Frau Lührmann kommen nun von der Orgelempore herab und es geht weiter mit Klavierbegleitung im Altarraum. Vorher sah man auf den Weihnachtsbaum, den Altar, auf die Kerzen und hörte, was von oben kam. Nun darf man auch sehen was man hört und wie es zustande kommt.
Das heutige Programm stellt Mathias Herbst als weihnachtliche Musik vor: er sei immer überrascht, wie schnell Weihnachten käme und kaum habe man sich daran gewöhnt, so wäre es wieder vorbei…deshalb heute am 5. Januar noch einmal weihnachtliche Stimmung mit weihnachtlicher Musik. Das kommt mir wirklich entgegen: Weihnachten kann diesmal irgendwie nicht lang genug sein.
Jetzt geht es um den Zyklus der „Biblischen Lieder“ (opus 99) von Antonin Dvorák. Wir hören zunächst ein paar Worte zur Biografie Dvoráks: er sass (etwa um 1894) in New York fest, wo er am National Conservatory of Music zwar arbeitete, doch - wegen allgemein schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse - nicht mehr bezahlt wurde. Er konnte auch nicht nach Hause (Böhmen) fahren, wo inzwischen sein Vater gestorben war. Voller Schmerz und Aussichtslosigkeit komponierte er diese „biblischen Lieder“, indem er (ursprünglich tschechisch-sprachige) Psalmtexte vertonte.
Anja-Lisa Lührmann und Mathias Herbst führen nun diese zehn Lieder – von sehr kurzen Pausen unterbrochen – auf. Wir hören bekannte Psalmtexte wie „Gott ist mein Hirte“ oder „Singet ein neues Lied“ mit sehr eigenwilligen Melodien, die sich in der Rhythmik am Text orientieren. Textinhalte werden lautmalerisch illustriert. Bei Unglück und Trostlosigkeit gibt es lange Tonkaskaden als Zwischenspiel auf dem Klavier: dargestellte Düsternis.
Aber nichts wirkt überladen, zu dramatisch. Der Klavierklang ist sparsam…und wie schön, dass es kein Flügel ist. Das rhythmisch so exakte Spiel von Mathias Herbst ist schön zu hören! Was er fühlt spielt er auch und da gibt es nichts Überladendes, Sentimentales oder Überdramatisches. Es ergreift mich gerade deshalb und Herbheit wäre vielleicht die passenste Beschreibung. Gut, dass wir wissen, unter welchen Lebensumständen diese Lieder entstanden, dass sie quasi aus der Not wuchsen! Bedürfnis waren. Rettung waren.
Anja-Lisa Lührmann singt so deutlich, dass ich jedes Wort verstehe. Die gute Akustik im Altarraum unter der hohen Glas-Laterne der Jakobi-Kirche hilft sicherlich, doch ihre Stimme ist glasklar und fest. Sie wirkt in keiner Weise angestrengt. Der Gesang ist ein Genuss! Die Kommunikation zwischen der Sopranistin und ihrem Begleiter ist sehr gut und läuft intuitiv. Manchmal gelingt die Koordination ohne Blickkontakt.
Mathias Herbst hatte eingangs berichtet, dass Dvorák seine Schüler bat, diesen Liederzyklus wie Gebet zu zelebrieren. Das ist es auch heute Abend, was sich mir mitteilt. Irgendwelcher bildungbürgerlich bedingter Abstand – dem ja besonders Musiker manchmal anheimfallen - ist unmöglich: diese Musik erfüllt die Seele. Punkt.
Für mich war dieser Liederzyklus irgendwie der Höhepunkt des Konzerts. Die Stimmung war hier am dichtesten. Dazu kommt natürlich meine Vorliebe für osteuropäische Harmonien und Rhythmen: Dvorák hat kleine Zitate tschechischer Volksmusik eingestreut – was Wunder, wenn man da fernab in Amerika sitzt und sich nach Hause sehnt! Beeindruckt hat mich auch der Melodienreichtum. Das ist lyrische Musik. So sollte man auch Psalmtexte vertonen…na ja, was einem nicht alles durch den Kopf geht, wenn man da sitzt und in Musik schwimmt.
Anja-Lisa Lührmanns kleine Tochter sass vor uns auf dem Schoss ihres Vaters: Daumen im Mund und versunken in Mamas Musik. Das ältere Brüderchen räkelte sich auf der Kirchenbank..diese Lieder sind ja lang, aber manchmal lässt sich dazu mit dem Fuss wackeln. Am Ende wurde es Töchterchen auch zu lang und aufkeimende Selbstgespräche wurden von Papa liebevoll und gekonnt im Keim erstickt. - Ich sagte ja schon: Familientreffen.
Nach einer kleinen Pause – es wurde Sekt ausgeschenkt und man traf einige bekannte Gesichter! - folgten die „Weihnachtslieder“ (opus 8) von Peter Cornelius, drei Liedkompositionen nach Psalmtexten von F.Mendelssohn Bartholdy, eine Kantate von Bach und zum Abschluss „An Evening Hymn“ von Henry Purcell. Es würde hier zu weit führen, darüber im Einzelnen zu berichten: es war einfach schön! Und den Beiden, die uns diesen wunderschönen Abend geschenkt haben: ein ganz herzliches Dankeschön!
In den Jahren 1882 bis 1886 – Antonín Dvorák unternahm gerade seine erste Auslandsreise nach England – wurde die Kieler Jakobikirche im Wesentlichen mit Spendengeldern der Gemeindemitglieder erbaut. Der Architekt Prof. Johannes Otzen verzichtete sogar auf ein Honorar. 1944 wurde die Kirche zerstört und Mitte der 50iger Jahre wieder aufgebaut: allerdings mit einer Glas-Laterne statt des neugotischen Kirchturms. Man arbeitete in den 50iger Jahren gern mit Glas und ich mag diese Laterne.
Der Kirchenbau ist bemerkenswert und eine Menge kleiner Details haben den Bombenangriff doch überstanden. Dazu gehört die Ornamentik der West-Fassade und hier besonders die braun und grün glasierten Backsteine und die Bogenfriese. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat man gern mit exotischen Stilen experimentiert und hier finden wir also orientalische Einflüsse! Die Gesamtkomposition des Hauptportals erinnert ohnehin an Byzanz. Selbst die moderne Laterne passt in den Kontext.
Frost der über hundert Winter und besonders der Feuersturm 1944 liessen die Glasur auf den Backsteinen brüchig und rissig werden. Das Mauerwerk muss mal wieder ausgefugt werden. Das alles kostet natürlich Geld. Die Nordelbische Kirche braucht ja so viel Geld für Verwaltung und Repräsentation – da ist für die Kirchgebäude nicht mehr viel da, wie wir alle wissen.
Und um der armen Nordelbischen Kirche sozusagen wie dem kranken Lazarus unter die Arme zu greifen und um zu ermöglichen, dass „...wir auch weiterhin so schöne Musik in unserer Kirche hören können“ (Pastorin Sabine Klatt), veranstaltet die Gemeinde Jacobi West nun diese „Konzertreihe zum Erhalt der Jakobi-Kirche“.
Unter dem Motto: “Freitagabend in Jakobi“ fand auch das beschriebene Konzert statt. Ich finde diese Idee gut: setzt sie doch sozusagen die Tradition der Spende für dieses Bauwerk fort! Wieder sind es die Gemeindeglieder, die „ihre Kirche“ bauen. Wieder verzichten künstlerisch arbeitende Menschen auf Honorare und wieder spürt man die Kraft der Eigeninitiative.Versagt „die Kirche“, springt der Christ ein. Das war schon immer so. Und das wird vermutlich auch die Zukunft „der Kirche“ deutlich prägen: „Wir sind die Kirche!“
„Freitagabend in Jakobi“ und immer ab 19.30 Uhr lässt sich noch am 2.Februar mit dem Rachmaninowchor und Chormusik aus Russland erleben. Dann singt der Kieler Knabenchor am 2.März 07 Geistliche Chormusik. Am 6. April hören wir die Stabat Mater (Krautwald/Slogsnat u.Orchester, Beginn schon 17.00!). Am 4. Mai haben wir Gelegenheit, den Frauenchor Concordia mit Frühlingsliedern zu erleben. Das letzte Konzert dieser Reihe findet schliesslich am 1.Juni 07 statt: der Holtenauer Gospelchor singt und spielt.
Die Kirche trägt sozusagen als Arbeitsbezeichnung den Namen „Groschenkirche“, weil der Neubau damals aus gespendeten Groschen finanziert wurde. Nett, was? Tradition verpflichtet…
Also: vormerken - kommen – wohlfühlen! ...und nach dem Konzert bitte Scheine statt Groschen ins Körbchen legen…
(Foto: Stadt Kiel)