das toenchen-voegelchen

Das Tönchen!

Das Online-Magazin
der Musikwerkstatt-Rzeszut

 

:

:

Tönchen-Home | Home | Über uns | Kontakt | Impressum

Sonntag, 5. November 2006

Alte Musiknoten nach Südafrika?

Culture Change einmal anders

In der Letzten Ausgabe des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL [44/2006, S.196] lesen wir unter der Überschrift “Vier Kubikmeter Klassik” eine erheiternde Notiz zum jüngsten Versuch, Klischeepflege und Kulturaustausch nach guter alter Kolonialtradition zu betreiben. Der südafrikanischge Tenor und Musikmanager Robert Brooks hat - so wird berichtet - zu einer “Sammlung alter Musiknoten-Bestände aus Haushalten und Nachlässen zugunsten südafrikanischer Musikschüler” aufgerufen. So kamen in Hamburg im Oktober “vier Kubikmeter Notenmaterial” zusammen. Dieses Altpapier geht an Musikschulen in Südafrika und wird dort - man höre und staune! - “kostenlos” verteilt. Auch Jugendgruppen in Ghettos sollen davon profitieren. An Bibliotheken abgegeben werden soll “anspruchsvollere Musikliteratur von List oder Wagner”, das wäre nix für die Jugendgruppen. “Bände mit deutschem Volksgut” seien von deutschstämmigen Südafrikanern sehr gefragt. Auch Musikinstrumente sammele man (bisher kamen zusammen: Gitarren, Blockflöten, eine Posaune, eine Zither, ein Akkordeon).

Um hier evtl. Missverständnisse auszuräumen: im Prinzip finde ich die Sache gut. Austausch ist auf jeden Fall gut! Doch wir haben es hier nicht mit echtem Kulturaustausch zu tun. Südafrika bekommt Almosen aus dem reichen Europa, Second-Hand-Klamotten, sonst nichts! Treten hier jugendliche Bands aus den Townships mit ihrer eigenen Musik auf? - NEIN!...es sei denn, sie spielten vielleicht Mozart…

Ich bedauere sehr, dass nicht die wohlhabene bundesdeutsche Musikinstrumentenindustrie und Grosshändlerschaft, die Werberinge und die freimaurerisch organisierten Musikschul-Kliquen massenhaft Neuinstrumente zu niedrigen Preisen oder auch kostenlos (als Entwicklungshilfebeitrag) nach Südafrika importieren. Und warum wird nicht NEUE Notenliteratur gesammelt? Und warum muss es Klassik sein? Warum immer die alten Klischees? Warum überhaupt Noten und nicht vier Kubikmeter frisches weisses Notenpapier zum Schreiben neuer afrikanischer Musik? Jugendgruppen in Ghettogebieten brauchen - so denke ich - am allerwenigsten Klassiknoten: sie können ihre eigene Musikkultur aufbauen, wenn man sie nur lässt. Und Noten sind da nicht so wichtig übrigens.

Gute Instrumente zu importieren wäre eine sehr gute Tat. Nach meiner Kenntnis gebrauchter Akkordeons warne ich aber vor dem Import alter Instrumente: bitte nur Neuinstrumente und das bitte mindestens im Hundertpack plus Ersatzteilsortiment und Spezialwerkzeug - das wäre reell! (...aber bitte nicht die üblichen “Markenfabrikate” aus China!) Aufnahmeequipment zu senden wäre ebenfalls sinnvoll: afrikanische Jugendliche würden dann ihre nicht aufgeschriebene Musik vielleicht mal westlichen Ländern und westlichen Musikschulen leichter zugänglich machen können. Die Organisation von Jugendmusik-Austausch zwischen Deutschland und Südafrika wären weitere gute Taten. Das würde westlichen klassischen Musikköpfen - Schülern wie Lehrern - vielleicht mal gut tun.

Was mich eigentlich an der Sache so unangenehm berührt, ist das Prinzip “Altpapier nach Afrika”. Ich meine: diese Zeiten sollten vorbei sein! Der Aufruf von Herrn Brooks ist schon ok, aber man sollte das mal zum Anlass nehmen, jetzt wirklich was draus zu machen! Der Aufruf zeigt auf jeden Fall, wie mager es in Südafrika generell mit der Musikpflege und den Musikinstrumenten aussieht. Der Import westlicher Klischee-Musik beschwört mir nun doch zu sehr den alten Kolonialgeist mit der ganzen eurozentrischen Bevormundung aussereuropäischer Völker herauf. Ich bezweifele, ob das ausschliessliche Lehren europäischer klassischer Musik mit einer eigenständigen südafrikanischen Kultur in Einklang zu bringen ist.

Was dabei heraus kommt, lässt sich leicht überspitzt so ausdrücken: Wagner ist gut, afrikanische Musik ist schlecht.

Aber natürlich besser, als Massen von Notenheften auf Dachböden und in Kellern vergammeln lassen. Erstmal kostet die Entsorgung ja auch Geld,...nä?... und dann macht es ja auch Mühe. Jetzt wird man sich als Bildungsbürger schliesslich sogar für einen GUTEN ZWECK in den Keller bemühen…das ist doch was!...nä?

Geschrieben von Martin Rzeszut am 5. November 2006 um 11:53 Uhr
Martins GedankenPermalink
Seite 1 von 1 Seiten