Die Rede ist von der Tagung „Vorteil: bikulturell – Jugendliche in interkulturellen Lebenswelten und ihre Kompetenzen“, die von der Körber-Stiftung („Forum für Impulse“) und von der iaf (Verband binationaler Familien und Partnerschaften e.V.) am 27.September 2005 in Hamburg ausgerichtet wurde. Sie richtete sich primär an alle, die beruflich mit Jugendlichen zu tun haben (Lehrer an Schulen, Sozialpädagogen, Hochschuldozenten usw.) und des weiteren an alle Bildungs- und Kulturarbeiter, an Institutionen, Gremien und Pressevertreter, denen das Thema „Multikulturell“ wesentlich ist.
„Mein Garten!“ sagt der Reiche – und der Gärtner lächelt!—- Mit diesem orientalischen Spruch begann Dr. Tarek Badawia von der Uni Mainz seinen Vortrag über den „Dritten Stuhl“ und deutete damit an, wie stark unser ethnozentristischer Blick auch vom Haben bestimmt ist. Ein – nicht gern laut – betontes Ergebnis dieser Tagung war folgendes (und jedem bekannt, der mit Jugendlichen arbeitet): in den Genuss von Vorteilen aus bikulturellem Hintergrund kommen eher die wohlhabenden Einwanderer. Denn nur diese besitzen letztlich jenes positive Selbstwertgefühl, das ihnen eine adäquate Förderung durch das Gastland garantiert. Nur diese bekommen in der Realität Chancen, ihre wertvollen Informationsvorsprünge auch anwenden und konstruktiv gesamtgesellschaftlich umsetzen zu können. Und die im Dunkeln stehen, die man nicht sieht – für die brauchen wir allerdings scharfe grelle Scheinwerfer!
Auf der zum Tagungsprogramm gehörenden Hafenrundfahrt passierten wir das legendäre „Wohnschiff“ (diese Bezeichnung ist voll übertrieben!) für Einwanderer und „sozialer Brennpunkt“. Ich hörte, man wolle es bald loswerden (ja, gut!!) weil es die architektonische Ausgewogenheit des neuen Hafendesigns störe (...ach,ja?) und die Menschen würde man auf einen Acker in Mecklenburg verfrachten (ach, wirklich?-Wahnsinn!). Und das ein paar Meter vom Domizil der Körberstiftung entfernt…(unglaublich!)
Einwanderer ohne Geld sind jeden Tag Objekte einer gezielten und sachlich durch nichts gerechtfertigten Stigmatisierung: „Versager“ in der Schule oder „chancenlos“ auf dem Arbeitssektor, verantwortlich für Randale in „sozialen Brennpunkten“ oder „wollen kein Deutsch lernen“. Ist man arm, versagt man, weil man arm ist, versagt man…diesen Circulus viciosus gilt es zu durchbrechen. Es geht also um Entstigmatisierung durch Aufklärung und damit um die längst überfällige Korrektur des in Politik und Gesellschaft zahlreich verbreiteten Standpunktes: „Ausländer“ würden „das Sozialsystem belasten“, „den Arbeitsmarkt schwächen“ und seien „zu nichts nütze“. Wird erst einmal erkannt, welches Potential auch volkswirtschaftlich gesehen, besonders aber in Hinblick auf Verständnis für „fremde Kulturen“ und letztlich für internationale Friedensarbeit unsere MitbürgerInnen aus ihrem bi- oder multikulturellem Hintergrund zu ziehen imstande sind, wird ein schnelles realitätsorientiertes Umdenken in allen gesellschaftlichen Bereichen die Folge sein.
Der Terminus „bikulturell“ bedeutet einmal eine konkret verwandtschaftlich bedingte Beziehung zu zwei Kulturen (etwa Mutter deutsch, Vater Grieche), zum anderen aber auch ein subjektiv wahrgenommener Zugehörigkeitsstatus von Menschen, die einmal in die BRD eingewandert sind (wobei auch Einwanderer in erster, zweiter oder gar dritter Generation einbezogen sind). Im Verlaufe der Tagung wurde mir klar, dass dieser Terminus auch durchaus auf deutsche Staatsbürger zutreffen kann, die einige Jahre im Ausland verbracht haben und dann zurückgekommen sind. Denn auch sie geniessen Informationsvorsprünge, sind allerdings auch besser in der Lage, diese nutzbringend verwerten zu können. Sie sind schliesslich nicht durch Stigmen belastet: im Gegenteil! Ihr Auslandsaufenthalt wird als grosse Bereicherung gewertet. Und selbst, wenn es nur drei Wochen USA im Schüleraustausch waren…
Ergebnis der Tagung: guckt man genau und ohne gefärbte Brillengläser hin (und das lässt sich beispielsweise mit wissenschaftlichen Untersuchungen und gezieltem Befragen von Jugendlichen tun), stellt man ganz andere Sensationen auf der Habenseite fest: Jugendliche mit bikulturellem Hintergrund gestalten ihren Alltag äusserst flexibel und zeigen besonders dort Kompetenz, wo etwa wir mit unserer monokulturellen oder ethnozentrischen Sicht oftmals stecken bleiben: z.B. wenn Zweisprachigkeit gebraucht wird oder beim vielbeschworenen „Dialog der Kulturen“. Wenn es um Beurteilungen anderer Kulturen geht bis hin zu politischen Projekten oder Lösungen im Dienste der Friedensarbeit. Es wurden konkrete Beispiele genannt, in denen sich bikulturelle Erfahrungen professionell nutzen lassen: etwa im Rahmen der Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern an unseren Schulen. Mittler, die sich in zwei Gesellschaftsnormen zu hause fühlen und ihre Sprachen ständig „switchen“: dem jeweiligen Gegenüber anpassen können, sind am ehesten in der Lage, Argumentationen deutscher Lehrer sowie beispielsweise türkischer Eltern zu verstehen und in Einklang zu bringen. Seit langem ist ja auch bekannt, dass bikulturelle Biografien etwa im diplomatischen Dienst eine erhebliche Rolle spielen und in hohem Maße zum friedlichen Miteinander verschiedenster Nationen beitragen.
Damit Vorträge und Referate nicht im Theoretischen verblieben, gab es Interviews mit geladenen Jugendlichen, die von ihren Erfahrungen mit bikulturellen Elternhäusern oder vom monokulturell ausgerichtetem Schulalltag berichteten. Besonders die Ergebnisse des Vortrags „Der Dritte Stuhl“ von Dr. Tarek Badawia (Uni Mainz) fand ich hier bestätigt. Badawia referierte über die soziokulturellen Erfahrungen von Jugendlichen mit bikulturellem Hintergrund, die er direkt durch Befragung von Jugendlichen gewann. Erwähnenswert scheinen mir hier besonders folgende Ergebnisse: subjektive Erfahrungen Jugendlicher sind entscheidend für ihre Rolle in der Gesellschaft. Fühlen sie sich wahrgenommen als Aussenseiter oder als Aussenstehende? Trotz ökonomischer Schwierigkeiten und sozialer Ausgrenzung durch das „Gastvolk“ überwiegt bei Jugendlichen das Gefühl der Faszination und des „Bereichertseins“! Soziale Transformationsprozesse entwickeln Selbstverständnis: Jugendliche aus Einwandererfamilien können sich als „Deutsche“ fühlen! Da unsere Gesellschaft Erfolgsaspekte von Einwanderern stets und ständig ausblendet, muss hier Bildungsarbeit einsetzen: Bikulturalität als Selbstverständlichkeit, das Schaffen einer „bikulturellen Binnenstruktur“, in der Zweisprachigkeit, Wahrnehmung von Koexistenz verschiedener Kulturen, Basiskenntnisse über verschiedene Kulturen und eine offene Sichtweise vorherrschen. Voraussetzung für eine solche Haltung ist die Betonung bzw. Vermittlung humanistischer Grundlagen und der Wille zur Auseinandersetzung mit der Problematik. Wir müssen als Einwanderergesellschaft weg von der „Katasthrophisierung von Migrationsfolgen“, weg von „simplen Zuordnungen“. Wir dürfen nicht an einem starren „Kulturkonzept“ kleben, sondern müssen die „Prozesshaftigkeit von Kultur“ erkennen. Es geht darum, sich auf beiden Seiten zu öffnen. „Fremdheit aushalten“, „Diversität bewahren“ und „auf latenten Rassismus achten“ waren weitere Ratschläge, die Dr. Badawia einem äusserst aufmerksamen Plenum empfahl. Er warnte auch vor „Überbetonung des Interkulturellen“, etwa, wenn „Multikulti“ als Schlagwort ohne Inhalt zum Klischee erstarrt (ich erinnere hier an den hohlen Begriff „Weltmusik“).
Ebenfalls sehr informativ und authentisch im Quellenbezug war die Untersuchung von Sonja Bandorski (Uni Bremen, Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften), die knapp 1000 Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund zu ihren Erfahrungen, Gefühlen und Gewohnheiten im Gastland BRD befragt hat. U.a. ergaben sich starke Unterschiede zur allgemeinen Einschätzung von „Unterdrückung“ etwa in türkischen Familien: Frau Bandorski betonte, dass dieses Klischee nicht aufrecht zu erhalten sei. Interessant auch Ergebnisse zu Befragungen über „ethnische Selbstverortung“: auf die Frage „wie stark fühlst du dich als Deutsche?“ antworteten 18% „ich fühle mich deutsch“, 47% fühlten sich als „Europäerin“, 24% als „Ausländerin“, 10% sagten „ich bin bikulturell“, 40% fühlten sich einer Religionsgruppe zugehörig, und 42% fühlten sich als „Angehörige der Stadt“. Auch Bandorskis Ergebnisse zur Sprachkompetenz sprengt manches bei uns verbreitete Klischee: als „dominant deutschsprachig“ wurden 36% der Mädchen und jungen Frauen eingestuft, als „zweisprachig“ 31%, als „schlecht in beiden Sprachen“ 15%, als „dominant herkunftssprachig“ 18%. Insgesamt entsprach das Verhältnis Herkunftssprache zu Deutsch den Anteilen 60% zu 40%.Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass – kommen Jugendliche einmal selbst zu Wort – wir durchaus die Möglichkeit haben, bikulturelle Realität anders zu sehen, als wir dies gewohnt sind.
Angesichts einer stetig geschürten Ausländerfeindlichkeit und eines deutlich feststellbaren latenten Rassismus, den es zu beobachten und zu bekämpfen gilt, ist eine Korrektur des Denkens in unserer Gesellschaft über sog. „Ausländer“, „Asylanten“, „Russlanddeutsche“, „Zuwanderer“ unerlässlich. Wie die Diskussionen über „Leitkultur“, „Deutschlernen“, „Kopftuchfrage“ usw. in Presseberichten und beim alltäglichen Gespräch mit Menschen auf der Strasse, in Schulen, in Supermärkten und an Stammtischen zeigen, kommt diese Tagung noch nicht zu spät. Allerdings ist die Stigmatisierung bestimmter ethnischer Gruppen (Beispiel „die Russlanddeutschen“) oder bestimmter Religionsgruppen (wie der häufige Gebrauch des Wortes „Islamisten“ zeigt) in unserem Alltag schon sehr weit fortgeschritten und könnte auch angesichts einer sich gegenwärtig verändernden politischen Gesamtsituation (zunehmende Betonung des „Deutschen“ in der Tagespolitik und im Wahlkampf, Angst vor Terrorgefahr) noch weiter fortschreiten – sehr zu Ungunsten von Menschen mit bikulturellem Hintergrund. Die Alarmglocken schrillen!
Jeder vierte Mitteleuropäer hat einen multikulturellen Hintergrund! Das wiedrum zeigt, dass die BRD ein typisches Einwanderungsland ist. Schlagwort „Integration“: Integration ist immer ein langsamer Prozess und ist nicht in 5 Minuten durchzuführen oder mittels Stempel zu beglaubigen. Einwanderer lassen sich nicht mit „zwischen zwei Stühlen sitzend“ beschreiben: da gibt es noch den dritten und sehr soliden Stuhl, den sie sich meist selbst gebaut haben (...wenn sie denn über genügend finanzielle Mittel verfügen und sicher ausgebildet sind…) Die „ethnische Selbstverortung“ - also: zu welcher Kultur fühlen sich Einwanderer zugehörig? Zu der des Gastlandes oder zu der des Herkunftslandes? - spielt eine sehr grosse Rolle für Integrationsplanung. Eine Untersuchung Jugendlicher zeigte deutlich ein weder-noch. Das gleiche gilt für Sprachkompetenzen: ob dominant herkunftssprachig, zweisprachig, oder dominant-deutschsprachig, hier gibt es die unterschiedlichsten Berichte. Die allseits beliebte These „Ausländer wollen kein Deutsch lernen“ löste sich schon nach fünf minuten in diffusen Nebel auf….
Wie vielfältig das Interesse an dieser Tagung war, spiegelt die Teilnehmerliste: 140 Vertreter verschiedenster Institutionen kamen (...und ich kann sie hier nur in Auswahl zitieren): Internationale Gärten e.V. (Göttingen), Kulturbrücke Hamburg TV, Türkiye Gazetesi Hamburg, Bahá‘i-Geminde Deutschland, Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (Hamburg), Deutsche Welle (Bonn), Radio Mamaterra (Hamburg), Internationales Diakoniecafé „Why not“(Hamburg), Deutsch-Türkische Interessensgemeinschaft (Hamburg), FAZ Frankfurt, Deutsches Orientinstitut (Uelzen), Radio Bremen, Muslimische Frauengemeinschaft in Norddeutschland e.V., Scuola Italiana e.V. (Hamburg), Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Nürnberg), German Vietnames Business Center (Hamburg), Süddeutsche Zeitung (München), N-Joy Radio (Hamburg) sowie zahlreiche Universitäten und Hochschulen.
Die Präsenz vieler Hamburger Institutionen liegt auf der Hand: die Körber-Stiftung ist dort beheimatet. Der süddeutsche Raum hätte noch besser repräsentatiert sein sollen, und wichtige Institutionen, die zum Thema Elementares hätten beitragen können, habe ich vermisst: beispielsweise die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (Göttingen) oder die Musikzeitschrift „Folker!“ für Weltmusik (Bad Honnef), in der Vorteile von Bikulturalität seit Jahren als musikalische Events beschrieben werden. So vermisste ich auch eindeutig Kollegen aus dem musikalischen Lager: etwa Musikpädagogen, Vertreter des Musikrates oder der LAGs Musik SH oder des Dachverbandes PROFOLK e.V. (Berlin). Musik ist mit Pädagogik und Kultur engstens verknüpft: man sollte ihr gesamtgesellschaftlich mehr Beachtung schenken! Immerhin: ich von der Musikwerkstatt Rzeszut aus Kiel war da…
Mit dieser Tagung feierte die Körber-Stiftung ihren Umzug von Bergedorf in die Hamburger „Hafencity“ - wie man das Prestigeprojekt der Hansestadt stolz nennt (und durch dessen Finanzierung etliche Projekte mit sozialem Engagement dem Rotstift zum Opfer fielen…) Mag man über einige Adressen der Hafencity lächeln: das Domizil der Körber-Stiftung mit der schönen und vielsagenden Anschrift „Kehrwieder 12“ wertet dieses neue Hochglanzviertel erheblich auf!
Eine gelungene Architektur: nüchtern, sachlich, effizient. Wärme schaffen die Menschen, das kühle Ambiente fördert die Begegnung. Auf Körber-Tagungen haben selbst Norddeutsche Lust, spontan miteinander zu reden. Überall diskutierende Grüppchen: ob an der Kaffeemaschine, im Eingangsbereich vor dem Gebäude, im Empfangsbereich oder zwischen den Stühlen im Audimax. Eine hervorragende Bewirtung fördert die Kommunikation (...herrlich dieser Obstsalat!)
Facit der Veranstaltung für mich: ich habe erhebliches Material zum Argumentieren in den Kopf und in die Hand bekommen! Ich bin optimistischer geworden. Angesichts mancher Missstände, Argumentationen oder Meinungen in meiner engsten monokulturellen Umgebung wird man ja des öfteren sprachlos…vor Schreck! Nein: der Blick nach vorn ist mit guten Argumenten gepflastert und niemand muss sprachlos bleiben! Es gibt genügend Material, um etwa bei der Berichterstattung über Menschen mit bikulturellem Hintergrund journalistisch beliebte „Reizthemen“ auszusparen (ich nenne hier nur Thema „Russlanddeutsche“, wie es in der Tagespresse aller Grossstädte gegenwärtig strapaziert wird). Allerdings fühlte ich mich auch sehr bestätigt in meinem eingefahrenen klischeefeindlichen Umgang mit ethnischer Musik. Man sollte noch einen draufsetzen ...Kieler Musik statt Kleszmer! Oder: Musik aus der Nachbarschaft, wie Marcos Romao von Hamburger Radio Mamaterra dies formuliert. (siehe http://www.mamaterra.de )
Es wurde klar, dass die Bikulturalität Einzelner Informationsvorsprünge und Skills bereithält, die gesamtgesellschaftlich nur von Vorteil sein können. Also echte Chancen haben wir für eine floriende Wirtschaft und zum wirklichen Abbau von Arbeitslosigkeit, würden wir die „noch ungehobenen Schätze“ (dieses Symbol geisterte fortwährend durch die Diskussionsrunden…) endlich bergen und nutzen! So könnten Menschen mit bikulturellem Hintergrund etwa im Schulbereich als Mittler zwischen „ausländischen Eltern“ und „deutschen Lehrern“ erfolgreich fungieren. Als grosses Ergebnis der Diskussionen auf unserer Körber-Tagung lässt sich zusammenfassend sagen: eine polykulturell orientierte Gesellschaft ist letztlich leistungsfähiger,wenn schlummende Potentiale oder „noch ungehobene Schätze“ auch genutzt werden. Auf jeden Fall jedoch humaner! Denn Toleranz, Akzeptanz und Integration schaffen ein humanitäres Klima, ohne dass man es gross beschwören muss.
Ich persönlich würde dem noch hinzufügen: es ist an der Zeit, jene Energien einmal umzupolen, die zur Zeit noch überall damit verschwendet werden, sog. „Ausländer“ aus dem bundesdeutsch gesellschaftlichen Kontext auszugrenzen und als „andersartig“ zu beschreiben. Besonders unser Sprachgebrauch zeigt ja peinlich deutlich, was wir wollen und was wir nicht wollen. Reden wir von „Ausländern“, möchten wir diese Menschen ausgrenzen, reden wir von „Einwanderern“, so signalisieren wir Akzeptanz, ja sogar Gastfreundschaft. „Gastarbeiter“ war damals in den 60igern die Devise: wie positiv ausgedrückt! Heute heisst es im Hamburger Verwaltungsjargon: „Bestandsausländer“! Auf der Tagung war kein Unterschied zwischen „Deutschen“, „Nichtdeutschen“, „Ausländern“ usw. festzustellen: alle waren Körber-Aborigines auf der Kehrwieder-Insel!
Es macht mir grosse Sorgen, dass besonders während der zahlreichen jüngeren Wahlkämpfe das Wort „Deutschland“ dermassen überbetont wurde, dass man sich wieder an das ausgehende 19. Jahrhundert mit seinem Hurra-Patriotismus erinnert fühlt. Deutschland – starr, eisern, pünktlich, genormt. Wo bleibt die „Republik“, die res publica? Warum nicht BRD? - Nein: „Deutschland hat…“, „Deutschland muss…“, „Deutschland wird…“
Fördert so eine Diktion nicht eher die kulturelle Spaltung? Hat dies kleine Fleckchen in Mitteleuropa mit überdies sehr zerfaserter Geschichte sowas nötig? Gibt’s nicht schon genug Narben? Die aus solcher ethnozentrischen Stimmung geführten Kriege sind allseits bekannt. Ebenso die im Umkehrprozess erfolgte Diskriminierung aller Menschen mit bikulturellem Hintergrund (ich erinnere hier an den Gebrauch der Vorsilbe „halb“) oder aller derjenigen, die Mitteleuropa als Gastland ansahen und keine deutschen Grosseltern hatten.
Im 19. Jahhundert wanderten 50% der Bewohner meines westfälischen Heimatdorfes in die USA und andere Einwanderungsländer aus. Landarbeiter, Flachsweber wurden in den USA nicht als Belastung, sondern als Bereicherung freudig begrüsst (auch wenn viele im täglichen Existenzkampf untergingen…) Und eigentlich weiss jeder Mensch, dass die Vorteile bikultureller Erfahrungen auf der Hand liegen und immer schon ein Motor für Innovation und emotionalen Fortschritt bedeuteten: der Ideenwettbewerb USAble (unterm Dach der Körberstiftung) zeigt dies. Wäre nicht ein entsprechender Ideenwettbewerb mit Blick auf Osteuropa und den Orient eine geeignete Erweiterung unserer Tagung „Vorteil bikulturell“? Beim Blick auf das kommende Tagungsprogramm fällt auf: man arbeitet bereits daran!
Musik war immer schon eine transkulturelle Sprache, deren Erlernen und Verstehen leicht fällt und nicht von „arm“ oder „reich“ abhängig ist (...und auch nicht abhängig gesehen werden sollte!) Musik ist in diesem Zusammenhang ein wesentliches Medium für interethnische Verständigung. So war denn auch der Auftritt der Berliner Rapperin (mit deutsch-türkischem Hintergrund) Aziza-A mit ihrer Band am Ende unserer Tagung ein gelungener Abschluss eines ereignisreichen Tages: der Kongress tanzte! Gleichzeitig auch Symbol für einen Neuanfang: Musik sollte eine noch grössere Rolle spielen im vielbeschworenen Dialog der Kulturen. Insofern lade ich alle Musiker-Kollegen herzlich ein, sich über die kommenden Veranstaltungen des Körberforums zu informieren. Musik war immer schon ein Acker, auf dem bikulturelles Potential gut in Keimung kommt und saftige Früchte trägt! Wir sollten diese Chance auch nutzen.
„Unser Garten!“ sagt der Reiche – und der Gärtner nickt! (bald mitteleuropäisches Sprichwort?!)
Weitere Informationen zu dieser Tagung sowie zum weiteren Programm der Körber-Tagungen bitte den folgenden äusserst informativen Seiten entnehmen:
http://www.koerber-stiftung.de
http://www.koerberforum.de
BLK-Programm: Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (auf dieses sog. „foermig-Projekt“ konnte ich hier leider nicht mehr eingehen):
http://www.blk-foermig.uni.hamburg.de
Das Buch zum Thema:
Vielfalt ist unser Reichtum – Warum Heterogenität eine Chance für die Bildung unserer Kinder darstellt.
(Hrsg.) Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V. mit Beiträgen u. a. von Hartmut von Hentig und Cornelia Spohn (144 S., € 12.90; ISBN 3-86099-767-X)
Tolle, freundliche, informative und mit profunder Fachkenntnis geschriebene Rezension. Da lernt auch ein dicker Hippie noch was. Tausend goldene Fleißpunkte!